Die Reise vom Kindergarten in die Schule

Der Wechsel vom Kindergarten in die Schule ist ein besonderer Einschnitt, auch für die Familie.

01.05.17
Von: Stefanie Greubel

 

 

Übergänge gehören zur Kindheit. Es gibt kein anderes Lebensalter, in dem sie so zahlreich sind. Der Wechsel vom Kindergarten in die Schule ist ein besonderer Einschnitt, auch für die Familie. Fast ein Jahr vor der eigentlichen Einschulung beginnt im Kindergarten eine Übergangsphase, die durch zahlreiche Rituale, besondere Aktionen, aber auch durch einen Statuswechsel der Kinder und neue Herausforderungen gekennzeichnet ist.

Kinder und Eltern merken deutlich, wenn der Wechsel vom Kindergarten in die Schule bevorsteht. Der Prozess beginnt nach den Sommerferien, wenn die ehemals Zweitältesten nun zu den Großen gehören. Oft äußert sich dies auch in einem neuen Namen: Da werden die Schäfchen zu den Hirten- oder Hütehunde, andere zu Königs- oder Kronen­kindern. Auch bei den Wackelzähnen kündigt sich schon im Namen der Wechsel in eine neue Institution an. Gemischte Gefühle wie Stolz, Vorfreude, Bedauern und Angst können sich breit­machen. Bei den Kindern überwiegt meist die Freude und ihre Sorgen drehen sich eher um die beteiligten anderen Personen und organisatorische Dinge. Sie fragen sich: Wird mein Freund oder meine Freundin in die gleiche Klasse kommen und neben mir sitzen? Wird die Lehrerin oder der Lehrer nett sein? Oder: Wo befinden sich die Toiletten? Wie ist der Weg in die Klasse oder Turnhalle? Eltern zeigen sich häufiger besorgt hinsichtlich der Kompetenzen des Kindes. Gerade im letzten Jahr vor der Einschulung werden sie mit unterschiedlichen, auch widersprüchlichen Informationen versorgt und mit Erwartungshaltungen konfrontiert, die nicht immer in Einklang zu bringen sind. Während der Kindergarten mit Blick auf die kindliche Entwicklung meist zu Gelassenheit rät, werden in den sozialen Medien und im Gespräch mit anderen Eltern häufig Fördermaßnahmen diskutiert. Frühkindliche Bildung im Kindergarten spielt eine immer größere Rolle, insofern sie auf eine spätere »Verwertbarkeit« abzielt. Das setzt Eltern vielfach unter Druck.

Aber auch die Eltern erleben den Übergang in die Schule als bedeutenden biografischen Abschnitt. Wie die beiden Erziehungswissenschaftler Wilfried Griebel und Renate Niesel betonen, durchlaufen sie einen Prozess, bei dem sich ihr Status, ihre Dialoge und ihr Handlungsraum ändern. So werden sie Eltern eines Schulkindes, dessen Rolle nun durch neue Aufgabenfelder wie Lernpartnerschaft, durch neue Kontakte zu Lehrern, anderen Eltern und Kindern sowie durch alle durch den Schulstart veränderten Handlungsabläufe im Alltag (Organisation von Familie, Schule und Erwerbstätigkeit) definiert ist.

Brüche und Krisen können ein Gewinn sein

Eltern und Kinder befinden sich demnach auf der gleichen Reise, die jedoch unterschiedliche Herausforderungen und Chancen bereit hält: Theorien der Entwicklungspsychologie gehen davon aus, dass Kinder durch die Bewältigung von Übergangssituationen an Stärke und Selbstbewusstsein gewinnen können und das Lernen in dieser Phase intensiviert wird. Brüche und Krisen in der Biografie aktivieren Ressourcen, die zur Bewältigung von Übergangssituationen gebraucht werden. Erfolgreich erprobte Strategien aus vorherigen, unter Umständen krisenhaften Übergängen können angewandt werden. Dazu gehört vor allem das Selbstvertrauen, neuen Aufgaben gewachsen zu sein. Verschiedene Studien betonen die Wichtigkeit eines Elternhauses, das Kinder in ihrer Entwicklung ermutigt und fördert und sie für die Anforderungen des Schulalltages stärkt. So werden Kinder vor allem indirekt – von einer durch Vertrauen geprägten Beziehung, dem Vorbild der Eltern und einer gesunden Lernkultur gefördert. Dazu gehören die Befriedigung der kindlichen Bedürfnisse nach Sicherheit und Geborgenheit, eine wertschätzende Kommunikation und eine positive Grundhaltung gegenüber Bildung und kulturellen Angeboten. Statt eines gezielten, kognitiv angelegten Vorschultrainings steht daher die umfassende Stärkung des Kindes mit seinen individuellen Fähigkeiten im Vordergrund.

Diese Haltung gegenüber dem Kind, das sich selbst und ganzheitlich bildet und in seiner Individualität einzigartig ist, spiegelt sich auch in Bildungsplänen der Bundesländer wieder. So heißt es in den nordrhein-westfälischen Bildungsgrundsätzen für Kinder von 0 bis 10 Jahren: »In Bildungsprozessen müssen Kinder ausreichend Zeit erhalten, um ihren eigenen Rhythmus und ihre Lernwege zu finden: Bildungsprozesse sind also höchst individuell. Mit zunehmendem Alter der Kinder erhält zielgerichtete pädagogische Unterstützung stärkeres Gewicht, ohne dass das Grundprinzip – das aktive Kind – dabei an Bedeutung verliert.«

...

>> zum ganzen Bericht auf der Seite von erziehungskunst.de

***

Zur Autorin: Jun.-Prof. Dr. Stefanie Greubel lehrt im Fachbereich Bildungswissenschaft an der Alanus Hochschule.

Literatur: W. Griebel, R. Niesel: Übergänge verstehen und begleiten. Transitionen in der Bildungslaufbahn von Kindern, Berlin 2011 | Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes NRW/Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes NRW: Bildungsgrundsätze für Kinder von 0–10 Jahren in Kindertagesbetreuung und Schulen im Primarbereich in Nordrhein-Westfalen, Freiburg 2016 | S. Dockett, B. Perry: Starting school: Perceptions, expectations and experiences, Sydney 2007

******

Bestellen Sie ein kostenloses Probeheft oder das preisgünstige Probeabo.

Probeabo Deutschland:
3 Ausgaben zum Preis von 15,- € inkl. Versand.

Probeabo Ausland:
3 Ausgaben zum Preis von 20,- € inkl. Versand.

Das Probeabo verlängert sich nicht automatisch nach Erhalt des dritten Heftes.


Kategorie: Waldorfpädagogik & Bildung