Von der Kraft freier Verhältnissetzung
"Am Anfang steht die willentliche Identifikation mit dem, was mir geschieht. Nicht aber das, was mir geschieht, ist das Entscheidende, selbst wenn es eben gerade darum ernst zu nehmen ist, weil und insofern es mir geschah. Entscheidend wird, welches Verhältnis ich zu dem Erlebten herzustellen bereit bin. Hier liegt das Freiheitsmoment, das Erlebtes zur Erfahrung und Erfahrung zu Wissen weiterbilden kann. In dem Maße schließlich, in dem dieses Erfahrungswissen zum konstituierenden Teil meines weiteren Lebens wird, hat es Konsequenzen. Eine, vielleicht die entscheidende Konsequenz liegt darin, daß, die Objekt- oder Opferrolle aufgegeben wird. Ich suche die Verantwortung für das Gewesene, für das Geschehende und für das Künftige nicht mehr vorwiegend außerhalb meiner selbst. Weder personell, noch zeitlich. Das Selbst erleidet nicht mehr als Objekt die von anderen Menschen oder unbekannten Mächten kommenden und vergehenden Ereignisse, die ihre Bewertung scheinbar in sich tragen. Es wird vielmehr aktiv, indem es gewahr wird, daß die Bewertung des ihm Widerfahrenden in seine Hände gegeben ist, genauer: seiner Bewußtseinstätigkeit obliegt. Eine Bewußtseinstätigkeit ist gemeint, durch die sich das Selbst ins Verhältnis zu einem Ding, Wesen oder Vorgang setzt; eine Bewußtseinstätigkeit, eine Kraft, die Verhältnisse schafft."
(aus: Rudolf Steiner Verstehen - Bodo von Plato, "Von der Kraft freier Verhältnissetzung", Heidelberg 2001, S. 29f)


