Was der innere Mensch wissen kann...
"Der Name ist also alt; wir wenden ihn für Neues an. Uns soll der Name nicht bedeuten "Wissen vom Menschen". Das ist die ausdrückliche Absicht derjenigen, die den Namen gegeben haben. Unsere Wissenschaft selbst führt uns zu der Überzeugung, dass innerhalb des Sinnesmenschen ein Geistesmensch lebt, ein innerer Mensch, gewissermassen ein zweiter Mensch. Während nun dasjenige, was der Mensch durch seine Sinne und durch den an die Sinnesbeobachtung sich haltenden Verstand über die Welt wissen kann, "Anthropologie" genannt werden kann, so soll dasjenige, was der innere Mensch, der Geistesmensch wissen kann, "Anthroposophie" genannt werden. Anthroposophie ist also Wissen des Geistesmenschen; und es erstreckt sich dieses Wissen nicht bloss über den Menschen, sondern es ist ein Wissen von allem, was in der geistigen Welt der Geistesmensch so wahrnehmen kann, wie der Sinnesmensch in der Welt das Sinnliche wahrnimmt. Weil dieser andere Mensch, dieser innere Mensch, der Geistesmensch ist, so kann man dasjenige, was er als Wissen erlangt, auch "Geisteswissenschaft" nennen. Und der Name "Geisteswissenschaft" ist noch weniger neu als der Name Anthroposophie."
(aus: Rudolf Steiner - Die Aufgabe der Geisteswissenschaft und deren Bau in Dornach, Autoreferat eines Vortrags 1916, in GA 35, S. 176f.)
Eine Versuchsmethode des allgemein Menschlichen...
"Und so handelt es sich darum, dass Anthroposophie in dem Augenblicke, wo sie ins Leben eingreifen will, nur allgemein-menschlich sein will, absehen will von jeder Dogmatik, wiederum das Leben selber ergreifen will, darstellen will. […] ihr Umfassendes, ihr Unvoreingenommenes, ihr Vorurteilsloses, ihr Dogmenfreies: dass sie bloss eine Versuchsmethode des allgemein Menschlichen und der allgemeinen Welterscheinungen sein will. […] Und so könnte man sagen: für die verschiedenen Gebiete wird Anthroposophie die durch den Geist vertiefte Sachkunde und Sachpraxis eben angestrebt. Dadurch unterscheidet sich das Anthroposophische von dem anderen, was heute in der Welt da ist. Und so möchte man eigentlich, dass Anthroposophie jede Woche einen anderen Namen haben könnte, damit sich die Leute gar nicht gewöhnen können an all das, was aus einer Namensgebung folgt.“
(aus: Rudolf Steiner - Ansprache 19.08.1923, GA 259, S. 173f.)
Bewusstsein seines Menschentums...
"Im Grunde genommen soll ja Anthroposophie nicht anderes sein als jene Sophia, das heisst jener Bewusstseinsinhalt, jenes innerlich Erlebte in der menschlichen Seelenverfassung, die den Menschen zum vollen Menschen macht. Nicht 'Weisheit vom Menschen' ist die richtige Interpretation des Wortes Anthroposophie, sondern 'Bewusstsein seines Menschentums' [...]"
(aus: Rudolf Steiner, GA 257, S. 76)
Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg...
"1. Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen möchte. Sie tritt im Menschen als Herzens- und Gefühlsbedürfnis auf. Sie muß ihre Rechtfertigung dadurch finden, daß sie diesem Bedürfnisse Befriedigung gewähren kann. Anerkennen kann Anthroposophie nur derjenige, der in ihr findet, was er aus seinem Gemüte heraus suchen muß. Anthroposophen können daher nur Menschen sein, die gewisse Fragen über das Wesen des Menschen und die Welt so als Lebensnotwendigkeit empfinden, wie man Hunger und Durst empfindet.
2. Anthroposophie vermittelt Erkenntnisse, die auf geistige Art gewonnen werden. Sie tut dies aber nur deswegen, weil das tägliche Leben und die auf Sinneswahrnehmung und Verstandestätigkeit gegründete Wissenschaft an eine Grenze des Lebensweges führen, an der das seelische Menschendasein ersterben müßte, wenn es diese Grenze nicht überschreiten könnte. Dieses tägliche Leben und diese Wissenschaft führen nicht so zur Grenze, daß an dieser stehengeblieben werden muß, sondern es eröffnet sich an dieser Grenze der Sinnesanschauung durch die menschliche Seele selbst der Ausblick in die geistige Welt."
(aus: Rudolf Steiner - Anthroposophische Leitsätze, GA 26, Dornach 1924)
Eine wissenschaftliche Erforschung der geistigen Welt...
"Unter Anthroposophie verstehe ich eine wissenschaftliche Erforschung der geistigen Welt, welche die Einseitigkeiten einer blossen Natur-Erkenntnis ebenso wie diejenigen der gewöhnlichen Mystik durchschaut, und die, bevor sie den Versuch macht, in die übersinnliche Welt einzudringen, in der erkennenden Seele erst die im gewöhnlichen Bewusstsein und in der gewöhnlichen Wissenschaft noch nicht tätigen Kräfte entwickelt, welche ein solches Eindringen ermöglichen."
(aus: Rudolf Steiner - Philosophie und Anthroposophie, GA 35, S. 66)
"Anthroposophy is a knowledge produced by the Higher Self in man."
(Rudolf Steiner für den Oxford Dictionary, zit. nach Carl Unger, Was ist Anthroposophie? in: Carl Unger, Schriften I, Stuttgart, 1964)
Das Wesen der Anthroposophie...
"Denn das ist das Wesen der Anthroposophie, dass ihr eigenes Wesen in dem besteht, was des Menschen Wesen ist; und das ist das Wesen ihrer Wirksamkeit, dass der Mensch dasjenige, was er selber ist in der Anthroposophie empfängt und es vor sich hinstellen muss, weil er Selbsterkenntnis üben muss."
(aus: Rudolf Steiner - Vortrag am 03.02.1913)
Der Charakter der Anthroposophie
"Wenn nun auch die Theosophie Erkenntnisse zu liefern vermag, welche den wichtigsten Bedürfnissen der Menschenseele Befriedigung gewähren, und welche durch den natürlichen Wahrheitssinn und durch die gesunde Logik anerkannt werden können, so wird doch immer eine gewisse Kluft bleiben zwischen ihr und der Anthropologie. Es wird zwar immer folgendes möglich sein. Man wird die Ergebnisse der Theosophie über die geistige Wesenheit des Menschen aufzeigen können und dann in der Lage sein, darauf hinzuweisen, wie die Anthropologie alles bestätigt, was die Theosophie sagt. Doch wird von dem einen zu dem anderen Erkenntnisgebiete ein weiter Weg sein.
Es ist aber möglich, die Kluft auszufüllen. In einer gewissen Beziehung soll dies hier durch die Skizzierung einer Anthroposophie geschehen. Wenn Anthropologie sich vergleichen lässt mit den Beobachtungen eines Wanderers, welcher in der Ebene von Ort zu Ort, von Haus zu Haus geht, um eine Vorstellung von dem Wesen eines Landstrichs zu gewinnen; wenn Theosophie dem Überblick gleicht, den man von dem Gipfel einer Anhöhe über denselben Landstrich gewinnt: so soll Anthroposophie verglichen werden dem Anblick, wo das Einzelne noch vor Augen steht, doch sich aber das Mennigfaltige schon zu einem Ganzen zusammenzuschliessen beginnt."
(aus: Rudolf Steiner - Anthroposophie. Ein Fragment, "Der Charakter der Anthroposophie", GA 45, Dornach 1910, S. 23)


