Computer im Unterricht
Sind Waldorfschulen technikfeindlich?
Den Waldorfschulen wird immer wieder vorgeworfen, sie seien technikfeindlich und könnten daher ihre Schüler nicht adäquat auf die Zukunft vorbereiten. Zu diesen Vorurteilen stellt Walter Hiller, Geschäftsführer des Bundes der Freien Waldorfschulen, in einigen Thesen die Auffassung der Waldorfpädagogik dar.
Nicht technikfeindlich – nicht euphorisch
Um es ganz deutlich zu sagen: Waldorflehrer teilen nicht die Technikeuphorie, die sich in vielen Schulen breitgemacht hat. Und zwar nicht nur aus finanziellen Gründen, wie etwa der baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel, der Laptops für alle Schüler nur ablehnt, weil das nicht bezahlbar ist. Wir beziehen pädagogisch Position und fragen, inwieweit der Computer unseren Lehrauftrag sinnvoll ergänzt. Und der lautet nicht, Kinder in die virtuelle Welt zu entführen, sondern in ihnen Lust auf das Leben und das Lernen zu wecken.
Brauchen Kinder Computerunterricht?
Die Diskussion hat keinen Sinn, wenn man nicht unterscheidet, von welcher Altersstufe und von welcher Qualität der Beschäftigung mit dem Computer wir sprechen. In der Oberstufe gehört die Auseinandersetzung mit dem PC auch in der Waldorfschule zur Unterrichtspraxis, und wie man sehen kann mit großem Erfolg. Denn immer wieder sind es auch Waldorfschüler, die mit interessanten Hightech-Arbeiten an die Öffentlichkeit gehen und sogar Auszeichnungen dafür bekommen. Aber im Vordergrund steht dabei nicht, zu lernen wie man mit dem Computer umzugehen hat. Dazu brauchen sie kein Unterrichtsfach, das lernen sie dann, wenn sie es brauchen, im Handumdrehen, fast wie das Telefonieren. Und bis sie in den Beruf kommen, wird es sowieso ganz andere Programme geben als die, auf denen sie heute trainieren. Aber sie sollen lernen, die Technik zu verstehen. Die Schüler erleben, dass sie, indem sie etwa Programme schreiben, Herr über den Computer sind und er ihnen bei der sinnvollen Problemlösung für eine gestellte Aufgabe nützlich sein kann. Darauf legen die Waldorfschulen großen Wert. Das ist aber eine ganz andere Qualität, als wenn der Computer schon in den ersten Schuljahren Einzug hält.
Keine Computer in der Unterstufe
Wir halten Computer in der Unterstufe nicht für sinnvoll: Die Zeit, die dafür aufgewendet wird, lässt sich sinnvoller nutzen. Wer später der Faszination der virtuellen medialen Angebote nicht erliegen will, muss Vertrauen in den Gebrauch der eigenen Sinne und in die reale Welt gewonnen haben. Der Pflege dieser menschlichen Lebensgrundlage widmen wir in den verschiedensten Unterrichten große Aufmerksamkeit.
Auch die ausgefeilteste Lernsoftware kann da nicht mithalten. Was hier als Lernen verkauft wird, ist Konditionierung oder die Verwechslung von Inhalt und Darstellung. Der Prozess des Verstehens setzt voraus, dass der Schüler eine Beziehung aufbauen kann: zum Lernstoff und zum Lehrer. Soll er etwa eine Beziehung zum Computer aufbauen? Ein Kind, das mit einer Software Rechnen lernt, hat keine Beziehung zur Welt der Zahlen aufbauen dürfen. Begeisterung am Lernen heißt in der Waldorfschule mehr als gespannt zu sein, was aus dem Drucker kommt. Eine sinnstiftende Freude erleben Kinder am Auffinden von Variationen und Zusammenhängen, nicht an vorgestanzten "richtig-falsch" Befragungen. Die fantasievolle Eigenaktivität, die ein künstlerisch gestalteter Unterricht, der echten Erlebnischarakter hat, in den Schüler/innen wachruft, ist durch kein noch so peppig aufgemachtes Software-Design zu ersetzen. Drogenberater aller Couleur wissen diese Orientierung des Unterrichts am Erleben und der Eigenaktivität der Schüler/innen als Suchtprophylaxe zu schätzen. Und Personalchefs suchen heute in allen Branchen händeringend nach Mitarbeitern, die sich mit ihrer Arbeit wirklich verbinden können. Diesen Aspekten kommt der Waldorf-Unterricht sehr entgegen, von Lernprogrammen ist eine fördernde Wirkung auf diesen Gebieten nicht bekannt.
Fördert der Computer Chancengleichheit sowie Meinungs- und Informationsfreiheit?
Chancengleichheit in der Schule ist nicht nur eine Frage der Informationsfreiheit. Da ist viel wichtiger, dass alle Schüler die Chance bekommen, ihre Fähigkeiten im Denken, Fühlen und Handeln zu entwickeln, und dazu kann das Internet nichts beitragen. In der Waldorfpädagogik geht es in der Unterstufe nicht nur um die Vermittlung von Wissen und Informationen, sondern um das Verstehen von Gesetzmäßigkeiten, das Erkennen von Zusammenhängen und um das Entstehen einer Beziehung zu dem Lernstoff.
In der Oberstufe sieht das etwas anders aus: Sicher müssen die Schüler da Wege kennen lernen, wie und wo sie zielorientiert an Informationen kommen, und ganz unbestritten spielt hier das Internet eine ganz wichtige Rolle. Deswegen ist es auch gut, wenn jede Schule einen Internetanschluss hat. Aber die Schüler sollten auch lernen, dass das weltweite Netz kein Allheilmittel ist und dass es nur Basisinformationen zur Verfügung stellt. Die eigene Erkenntnisarbeit kann es nicht ersetzen, und dafür braucht man meistens diese Informationsfülle aus dem Internet gar nicht. Und wie es ist, gemeinsam mit anderen Schülern ein großes Projekt zu verwirklichen, zum Beispiel auf einer Theaterbühne zu stehen oder einen Messeauftritt vorzubereiten und durchzuführen - ob nun mit oder ohne Computerhilfe -, das erfahren sie auch nicht im Internet. Aber das sind die Qualitäten, die sie für die Zukunft brauchen. Denn eines ist unbestritten: Nicht Computerkompetenz ist die Basisqualifikation, die wir brauchen - weder auf dem Arbeitsmarkt noch zur Lösung gesellschaftlicher Probleme, sondern Kreativität im Denken, Sozialkompetenz und Verantwortungsbewusstsein.
Die Diskussion um die Computerisierung des Unterrichts hat nicht nur pädagogische Aspekte.
Seit es Schulen gibt hat es Versuche gegeben, sie mehr oder weniger an wirtschaftlichen Interessen auszurichten. Und so wird auch in dieser Diskussion um die Computerisierung der Pädagogik die Frage erlaubt sein müssen, ob hier nicht ganz unmittelbar in den Schulen Absatzmärkte eröffnet werden sollen. Doch wir glauben, dass diese Intentionen kurzsichtig sind. Langfristig hat weder die Wirtschaft noch die gesamte Gesellschaft einen Vorteil davon, wenn die menschlichen Qualifikationen hinter den technischen zurückstehen.
Walter Hiller


