Fremdsprachenunterricht an Waldorfschulen
Von Christof Wiechert, Leiter der Pädagogischen Sektion am Goetheanum
Die Rudolf Steiner Schulen, auch Waldorfschulen genannt, waren wohl weltweit die ersten Schulen, die den Fremdsprachenunterricht schon ab der 1. Klasse im Lehrplan hatten. Der Begründer dieser Schulen, Rudolf Steiner, unterschied beim Lehrplanentwurf zwischen Lehrgegenständen, die der Entwicklung der Kinder dienen und solchen, die aus den Notwendigkeiten der Kultur unterrichtet werden müssen, auch wenn sie der Entwicklung selber nicht förderlich sind. Den Fremdsprachenunterricht rechnete er zu der ersten Kategorie, wobei nicht eine bestimmte Sprache gemeint war, sondern das Lernen der Fremdsprachen an sich.
Nun ist aber festzuhalten und viele werden das in ihrer Jugend erfahren haben, dass eine Fremdsprache auch so unterrichtet werden kann, dass sie der Entwicklung des Kindes eher abträglich ist. Die frustrierende Erinnerung an solche Unterrichtsstunden lebt bei vielen Zeitgenossen. Auch müssen viele bei ehrlicher Betrachtung zugeben, zwar die Matura in einer Fremdsprache bestanden zu haben, die Sprache aber nicht wirklich aktiv beherrschen.
Warum also hat Rudolf Steiner den Fremdsprachenunterricht als Entwicklungsnotwendigkeit angesehen?
Der Nachahmungstrieb
Er knüpfte an eine Tatsache an, die ebenso offenbar wie geheimnisvoll ist: dem Erwerb der Muttersprache. Wie lernt ein Kind die Muttersprache?
Das kleine Kind erlernt die Muttersprache durch das Aufwachsen in einer Umgebung, in der diese Sprache gesprochen wird, also ausschliesslich durch den Nachahmungstrieb. Und da für das Kind die meistgehörte Sprache die der Mutter oder der Bezugsperson ist, nennen wir das bis heute die Muttersprache. Diese Sprache wird nicht bewusst und nicht über die kognitiven Fähigkeiten erlernt, sondern eben durch die Nachahmung. Das Kleinkind hört einen Laut, macht den nach und allmählich verbindet es mit diesem Laut eine Bedeutung und zwar so, dass es in der selbstständigen Anwendung dieses Lautes die Bedeutung davon festigt. Ein langsamer aber durchgehender Prozess.
Nun ist es das Verdienst Rudolf Steiners erkannt zu haben, wie lange diese Eigenschaft des Kindes - eine Sprache nicht über den Verstand zu erlernen, sondern über das nachahmende Tun - bewahrt bleibt. Diese Fähigkeit bleibt bis in die ersten Jahre der Volksschulzeit erhalten. Aus diesem Grund liess er den Fremdsprachenunterricht in den ersten Jahren der Volksschulzeit beginnen, aber mit der Bedingung, dass dies nach der Art geschieht, wie man eine Muttersprache erlernt. Tut man das nicht, sind die Kinder schnell überfordert und Lernschwierigkeiten stellen sich ein.
Ein Beispiel möge dies erläutern. Als Klassenlehrer unterrichtete ich eine erste Klasse. Mitten im Schuljahr wurde ein russisches Flüchtlingskind angemeldet, das nur russisch sprach. Wir nahmen es auf und sorgten lediglich dafür, dass es von den Klassenkameraden akzeptiert wurde. Nach einem Jahr sprach der Bub unsere Sprache fehlerfrei, obwohl zuhause immer nur Russisch gesprochen wurde. Im vierten Schuljahr wurde ein Junge aus der Ukraine angemeldet. Der lernte unsere Sprache auch, aber nur mit erheblicher Mühe. Er musste separat in der zweiten Sprache unterrichtet werden. Erst nach gut zwei Jahren war er der neuen Sprache mächtig. An diesem Beispiel kann man sehen, um welche Kräfte es beim Spracherwerb geht.
In die Sprache eintauchen
Rudolf Steiner war der Meinung, dass es zu einem modernen, kosmopolitischen Menschen gehöre, mehrsprachig zu sein. Auch vertrat er die Meinung, dass das Erlernen von Fremdsprachen ein gutes Gegengewicht zu eingrenzenden, nationalbezogenen Neigungen sei, drückt doch die Sprache am meisten die Eigenart eines Volkes aus.
Inzwischen hat die Sprachwissenschaft diese ‚submerging’ Methode entdeckt: Wer ganz in ein Sprachgebiet eintaucht, erlernt sie am schnellsten. Daher der Hinweis von Rudolf Steiner, der Fremdsprachenlehrer solle nur in der zu lernenden Sprache mit den Kindern sprechen, er solle mit den Kindern spielen, Lieder singen, Reigenspiele machen und einen Wortschatz aufbauen, indem die Kinder einfache Sätze nachsprechen, ohne auf die Bedeutung zu achten und vor allem, das Erworbene immer wieder neu und geistreich wiederholen. Sieht man sich eine Fremdsprachenstunde in einer Rudolf Steiner Schule an, dann könnte man denken, das sei das denkbar einfachste, denn von Lernen im herkömmlichen Sinne ist in der Unterstufe nicht die Rede. Dieser Schein trügt aber. Die Lehrerin oder der Lehrer haben einen festen Plan für die Lernstufen festgelegt, worin trotz des Spielcharakters Stufe um Stufe die nachgeahmten Fähigkeiten auf- und ausgebaut werden. Rudolf Steiner ging davon aus, dass am Ende der Volksschulzeit die Sprache ungefähr ‚sitzen’ sollte. Keine leichte, aber eine schöne Aufgabe.
Zum Lernen erwachen
In der Regel wird der Unterricht in den ersten drei Jahren nur mündlich erteilt. Dabei hat sich herausgestellt, dass kürzere Einheiten zu regelmässigen Zeiten mehr Erfolg bringen als nur wenige, längere Stunden. Im vierten Schuljahr wird dann der mündliche Unterricht durch das Schreibenlernen ergänzt. Dieser Moment fällt zusammen mit dem langsamen Verschwinden der nachahmenden Fähigkeiten, das Kind erwacht für das Lernen. Ist aber die Basisfähigkeit nicht gründlich genug angelegt worden, hat die neue Sprache noch keine Tragkraft und ist keine aktive Sprachfähigkeit vorhanden, dann ist dieser Übergang im vierten Schuljahr für den Fremdsprachenunterricht kein einfacher.
Auch soll nicht verhehlt werden, dass man sich in den Rudolf Steiner Schulen der Aufgabe zwar sehr bewusst ist, dass aber dem Ideal nicht immer entsprochen werden kann. Auch die Lehrerin und der Lehrer bleiben Lernende!
Ist die Basis aber gelegt, dann wird jetzt innerhalb der gesprochenen Fremdsprache das Element der Struktur angebracht; die Schüler beginnen Grammatik zu lernen. Dann wird ein schriftlicher Umgang mit der Sprache auch sinnvoll.
Man soll sich aber nicht vorstellen, dass sich von der 4. Klasse an die „Waldorfmethode“ im normaltypischen Fremdsprachenunterricht auflöst. Rudolf Steiner setzt beim Spracherwerb auch im Alter von 12 bis 15 Jahren auf intellektuelle Kreativität. So gab er den dringenden Rat, nicht einfach Texte Wort für Wort, Satz für Satz zu übersetzen, so dass man etwas wohl übersetzt hat, aber ohne es zu verstehen, sondern sich durch ein globales Verstehen dem Text zu nähern, um dann an einem Exempel in die Sprachlehre einzutauchen. Nicht vom isolierten Idiom zu lernen, sondern aus dem vollen zu schöpfen ist das Ziel.
Man kann diesen spärlichen Charakterisierungen entnehmen, dass erstens an den Sprachlehrer hohe Anforderungen gestellt werden und zweitens, dass es unabdinglich ist, gute Texte und starke Inhalte als Material zu Verfügung zu haben. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, ist auch heute noch viel Unbrauchbares auf dem Markt, welches das Interesse für eine Sprache erdrückt. Der Sprachlehrer ist immer unterwegs auf der Suche nach brauchbarem Material, welches Sprache nicht nur als Kommunikation vermittelt.
Christof Wiechert, Leiter der Pädagogischen Sektion am Goetheanum
Literatur:
- Johannes Kiersch, Fremdsprachenunterricht in der Waldorfschule, 1992, Verlag Freies Geistesleben
- Alain Denjean, Die Praxis des Fremdsprachenunterrichts an der Waldorfschule, 2000, Verlag Freies Geistesleben
- Erhard Dahl, Wie lernt man fremde Sprachen?, 1999, Verlag Freies Geistesleben


