Gewalt an Schulen
Welche Rolle spielt dieses aktuelle Thema an Freien Waldorfschulen ?
Die Zunahme der Aggressivität und der praktizierten verbalen und körperlichen Gewalt bei Kindern und Jugendlichen wirft Fragen auf, deren Beantwortung den Rahmen des Pädagogischen sprengen. Als Ursachen für diese besorgniserregende Tendenz werden soziale Umwelteinflüsse wie Ghettobildung in Stadtteilen, Arbeits- u. Perspektivelosigkeit in den Familien, Auflösung der Familien, sozio-kulturelle Entwurzelung aber auch die Gewalt in den Medien und der allgemeine Werteverfall genannt.
Im Zusammenhang mit der an Schulen möglichen Gewaltprävention wird von der Bildung einer "Sinnmitte", einem sinnstiftenden und damit auch an Werten orientiertem Schulprofil gesprochen. Hinzu kommt die Notwendigkeit, überschaubare und verbindliche menschliche Beziehungen zu schaffen, die eine Identifikation mit der Schule und der Gemeinschaft ermöglichen. Der Schul- und Lernbetrieb darf nicht vergessen lassen, dass es die konkreten Kinder und jungen Leute sind, derentwegen die Schule veranstaltet wird.
Auf den hier nur skizzierten Feldern liegt die besondere Stärke der Freien Waldorfschulen, von ihrer Pädagogik her genauso wie von ihrer Organisationsstruktur.
Wenn gleich die unterschiedlichen als Ursache für die Zunahme der Gewalt angesehenen Phänomene nicht von vorneherein vor den Toren der Waldorfschulen halt machen, so ist doch festzustellen, dass eine Pädagogik und Schulstruktur,
- die sich an der Entwicklung der Kinder und Jugendlichen orientiert,
- die mit einem erweiterten Leistungsbegriff soziale Auslese vermeidet,
- die Schüler/innen in ihrer ganzen Begabungsbreite anspricht,
- die eine Unterrichtsmethode praktiziert, die in ihrer direkten Ansprache der Sinne, der Erlebnisfähigkeit und Schaffensfreude den Medieneinfluss auf hintere Ränge verweist,
- die dazu ermutigt, "...mit Herz und Verstand zur Ebene des Universellen vorzustoßen..."
- die z.B. mit früh einsetzendem Erleben und Lernen fremder Sprachen Fremdes vertraut macht,
- die mit der Pflege der Sprache, der übenden Betätigung in der Eurythmie, dem vielfältigen Rollen- u. Theaterspiel den Ausdruck von Stimmungen, Gefühlen und Gesten usw. auch die nicht rein kognitive Interaktion kultiviert,
- die stabile Lerngruppen und menschliche Beziehungen über viele Jahre bietet,
- in der Lehrer/innen tätig sind, die das Schulprofil ausdrücklich bejahen und kreativ Freiräume nutzen können, die von Eltern gewählt wurde und in deren Umsetzung sie verantwortlich einbezogen sind, die damit einen hohen Grad an Identifikation und Partizipation aller Beteiligten möglich macht,
- die Energie, die auch in Aggressivität und verbaler und körperlicher Gewalt steckt, eher individuell und sozial förderlich zum Einsatz bringt.
Dass bei alledem auch die Gestaltung der schulischen Räume eine große Hilfe darstellen, ist in der Praxis vielerorts erfahrbar.
Im Bereich der Waldorfschulen liegt noch keine Studie zum Thema "Gewalt an der (Waldorf-) Schule" vor. Weder der Umfang des Phänomens noch etwaige spezifische Gesichtspunkte gaben dazu bisher den Anlass.
Walter Hiller


