Malerei
Auch mit seiner Malerei greift Rudolf Steiner auf Goethe zurück. Dessen Auffassung der Farben als ‚Taten und Leiden des Lichts’ betont die dynamische Natur dieser Qualitäten. Dementsprechend fordert Rudolf Steiner, dass die malerische Form aus der Dynamik hervorgehen solle.

- Henning Hauke - Birkenwald
Rudolf Steiners Anregung zur Malerei
von
Henning Hauke
Steiners reger Austausch mit Künstlern am Ende des 19. Jahrhunderts sowie seine intensive Erarbeitung der Farbenlehre Goethes und die wache Beobachtung der vielfältigen Phänomene der sich entwickelnden Malerei am Anfang des 20. Jahrhunderts führten zu einer Fülle von intuitiven Einsichten. Diese Erkenntnisse wurden in dem Band ,,Das Wesen der Farben“ (GA. 00) dargestellt. Auch gab er viele konkrete Anstöße zur Praxis der Malerei. Schon Kandinsky ließ sich in Münchnen von Vorträgen Steiners inspirieren, um eine Lebendigkeit der Farbe zu entwickeln, die auch spirituell-geistigen Erfahrungen des Künstlers entgegen kommt.
In den großen Gemälden Kandinskys, den Improvisationen und Kompositionen vor dem ersten Weltkrieg, wird die schwebende Dynamik einer befreiten Farbe eine zentrale Gestaltungskraft. Die von allen sinnlichen Gegenständen befreite Farbe war in der Lage eine Musikalität und Ausdrucksfähigkeit zu erlangen, die ,,Das Geistige in der Kunst“ widerspiegelte.
Rudolf Steiners Farbenlehre führt die streng phänomenologische Betrachtungsweise von Goethes Forschungen weiter. Die intensive Betrachtung der Farbqualitäten in der Natur und der Farbempfindungen ,die sich beim rein seelischen Erleben des Menschen beobachten lassen, ergaben für Steiner einen Weg ,um ganzheitliche Forschungsergebnisse zu erringen. Diese bereiten einer reduktionistischen Wissenschaftsanschauung des Phänomens Farbe noch heute viele Schwierigkeiten. Nur schon der Zusammenhang des Farbigen mit den Wirkungen der Planeten erscheint dem aufgeklärten Bewusstsein als eine schwer nachzuvollziehende Erkenntnis. Aber gerade auf die Verwurzelung der Farbe in einem kosmisch-menschlichen Zusammenhang zielen viele Ergebnisse von Steiners Farbenlehre.
"Die Farbe ist der Ort wo unser Gehirn und das Weltall sich begegnen"
P. Cezanne
Die konkrete Erfahrung der Wirklichkeit der Farbe ist noch heute eines der umstrittensten Abenteuer der Vernunft. Nicht auf die Theoriebildung eines abstrakten Wissens über Farbe, sondern auf das Erleben der Realität der Farbe im leiblich, seelisch und geistigen Gefüge des ganzen Menschen zielten die Erkenntnisse einer spirituellen Farbenlehre. Es gibt eine Form der visuellen Erkenntnis, die unberührt durch die intellektuelle Erkenntnis, Zusammenhänge vermittelt, welche über den Sehsinn dem empfindenden Menschen erlebbar werden. Gerade diese Farberlebnisse werden so zu einem Zentrum eines neuen Wirklichkeitsverständnisses.
Ich nehme die Farbphänomene der Welt ,,wahr“ und finde mich als Mensch in der Welt. Die Farbe bildet so die Brücke zu einer neuen Anschauung vom Zusammenhang des Menschen mit der Welt.
"Die Phänomene sind schon die ganze Theorie"
J. W. v. Goethe
Rudolf Steiner selbst gestaltete in Zusammenarbeit mit verschiedenen Malern der damaligen Zeit dann in Dornach bei Basel im ersten Goetheanum eine Kuppelmalerei in einer strömenden Farbdynamik. In expressiver Spektralfarbigkeit bildeten sich in den imaginativen frei schwebenden elementaren Farbwogen verschiedene Motive der Welt - und Menschheitsentwicklung.
Auch in Maltechnik bestritt Rudolf Steiner neue Wege, durch die konsequente Verwendung pflanzlicher Farbsubstanzen, die in ihrer immateriellen Luzidität dem Glanz der Farbe eine aurische Wirkung verleihen sollten.


