
Das Geheimnis von Monte Azul

Anlässlich Tagung “Soziale Skulptur Monte Azul” vom 3. bis 5. Oktober im Goethanum
Im Gespräch mit
Claudia Vivacqua de Figueiredo
und Hermann Pohlmann
„Monte Azul“, das heißt „Blauer Berg“ und ist das Zentrum und der Ursprungsort des Gemeinschaftsvereins Monte Azul. Monte Azul ist eine von über 2000 Favelas, den brasilianischen Elendsvierteln, in der 19-Millionenstadt São Paulo. Favelas, das sind aus Blechkanistern, Kistenbrettern, Steinen und Holzbrettern zusammen gezimmerte Behausungen; Hütten, in denen Menschen zu Tausenden Zuflucht suchen, die mit der wirtschaftlichen Entwicklung Brasiliens nicht Schritt und ihren Bedingungen nicht Stand halten können und dem Zustrom in die Städte folgen. Favelas, Wohnorte, die - wie die gleichnamige Kletterpflanze Favela - sich zumeist an den Bergen der Städte hinauf hangeln. Es sind Orte mit einem unglaublich kreativen Potenzial, aber auch Orte von Verlierern, an denen Angst, Krankheit, Gewalt und Kriminalität das Leben beherrschen.
In Monte Azul begann die Waldorf Lehrerin Ute Craemer 1975 ihre Arbeit mit den Kindern der Favela. Aus ihrer Initiative entwickelte sich eine Lebensgemeinschaft, die bis heute Pioniercharakter hat und zum Vorbild für zahlreiche weitere Initiativen geworden ist. Heute wird die Favela Monte Azul von vielen Menschen, die mit ihr in Berührung gekommen sind, als Sozialer Organismus im Sinne der Dreigliederung von Rudolf Steiner verstanden, und gilt als Ort, an dem diese Idee beispielhaft lebendig ist, als Ort einer gelebten Menschenwürde.
Was aber genau unterscheidet Monte Azul von den zahlreichen Sozialprojekten, die Hilfe zur Selbsthilfe geben in aller Welt? Monte Azul verfügt heute über Abwasserkanäle, Kindergärten, Krankenstationen, Therapie- und Kulturzentren. Das sind die sichtbaren Erfolge, die sich aus dem Gemeinschaftsimpuls in der Favela entfaltet haben. Aber in Monte Azul scheint es etwas zu geben, das über all dies hinausreicht. Es scheint ein Geheimnis zu geben, das im Unsichtbaren zu finden ist. Um diesem nachzuspüren, sprach ich mit Claudia Vivacqua de Figueiredo, sie ist Brasilianerin und arbeitete zwölf Jahre in der Favela Monte Azul sowie mit Hermann Pohlmann, der für ein Jahr in Monte Azul lebte und seitdem der Initiative verbunden ist.
Edda Dietrich
Frau Vivacqua de Figueiredo, 1991 sind Sie nach Monte Azul gegangen und haben dort im Kindergartenbereich gearbeitet. Was hat Sie veranlasst, dies für zwölf Jahre zu tun?
Claudia Vivacqua de Figueiredo
Das ist eine komische Geschichte. Ich bin in Brasilien geboren, bin dort zur Schule gegangen und habe dort auch mein Studium der Psychologie absolviert. Ich war 25 Jahre alt, als ich nach Deutschland kam und als Praktikantin in einem Stuttgarter Waldorfkindergarten arbeitete, weil ich einige Zeit darauf warten musste, dass die Universität mein Ausgleichsverfahren abschloss, damit mein Studium auch in Deutschland anerkannt werden konnte. In diesem Kindergarten gab es eine Pinnwand. Eines Tages hing dort ein Plakat mit der Aufschrift: Pädagogische und soziale Arbeit in Brasilien - Vortrag mit Ute Craemer - Veranstalter Forum 3. Natürlich habe ich diesen Vortrag besucht und dort Ute Craemer kennengelernt. Sie zeigte Dias von Monte Azul und berichtete über ihre Arbeit in der Favela. Sie verlor kein unnützes Wort. Alles, was sie sagte, war wesentlich. Alles erschien mir so absolut richtig.
E. D.
Was war so absolut richtig für Sie?
Claudia Vivacqua de Figueiredo
Ich bin niemals ein Hippie gewesen, ich habe nie protestiert, nie an der Front gekämpft. Aber eines wusste ich, und das wusste ich schon als Kind, - ich bin ja in einem Land geboren mit vielen Gegensätzen zwischen Arm und Reich - dass das, was wir hatten, dass das nicht gerecht verteilt war. Da waren unsere Hausangestellten, die bei uns gewohnt haben und bei denen ich oft gewesen bin, die mussten für wenig Geld harte Arbeit leisten. Und für das, was sie leisteten, bekamen sie keine Anerkennung. Dass das ein Unrecht war, das habe ich schon als Kind gewusst. Gegen dieses Unrecht tätig zu werden, das war mir ein Anliegen, seit dem ich denken kann. In dem Vortag von Ute Craemer spürte ich, dass ihre Arbeit in Monte Azul vieles von dem enthielt, was mir zu meinem innersten Anliegen geworden war. Ich wusste: Das ist es, das ist das, was ich in meinem Leben tun will. - Da war ich nun nach Deutschland gekommen, um hier zu erfahren, dass das, was ich suchte, in meiner Heimat zu finden war.
E. D.
Schließlich sind Sie zurück in ihre Heimat gekehrt und in Monte Azul angekommen. Es gibt aber doch so viele Initiativen, die für eine gerechtere Welt tätig werden. Was genau sollte in Monte Azul so anders sein?
Claudia Vivacqua de Figueiredo
Ja, es stimmt, viele Menschen und Gruppen treten ein für eine gerechtere Welt. Das Unrecht, das zwischen Arm und Reich herrscht, kannte ich ja aus meiner Kindheit. In Monte Azul konnte ich erfahren: Hier ist jeder Mensch wichtig. Hier wird jeder gesehen, als ein Mensch, der sich entwickeln will, der einen Willen nach vorne hat und berechtigt ist, seinen eigenen Beitrag zu leisten. Ich habe erfahren, dass jeder Mensch Aufmerksamkeit verdient in seinen Schwächen und in seinen Stärken. Von Anfang an wurden die Fragen, die sich aus dem Dreigliederungsgedanken ergeben, in der Arbeit ernst genommen. In Monte Azul waren sie präsent, lebendig - und es war gesund. Ich konnte erleben, wie ernsthaft mit diesen Fragen umgegangen wurde. Wie werden die Menschen bezahlt? Wie kann jeder Mensch verantwortlich mitgestalten? Wie finden wir ein menschliches Miteinander? Das habe ich in anderen Initiativen in dieser Konsequenz nicht finden können.
Ute Craemer hat, als sie 1975 begann mit den Kindern zu arbeiten, geschaut, was ist ihr Bedürfnis. Natürlich kamen zunächst viele Kinder zu ihr, weil sie Hunger hatten. Ute hat ihnen dann gesagt: Hier habt ihr etwas gegen euren Hunger, aber ich habe auch noch etwas für euch gegen eine Art anderen Hunger. So kamen die Kinder zu ihr und sie begann, mit ihnen auf einer anderen Ebene zu arbeiten. Vielleicht kann ich das die Herzebene nennen. Ute hat von Anfang an hingeschaut und zu ergründen versucht: Was sind die Bedürfnisse der Kinder? Woran herrscht ein Mangel? Wie mache ich es, dass ich die Kinder wirklich ernst nehme? Was brauchen sie, um ihre Fähigkeiten entwickeln zu können und was versetzt sie in die Lage, fähig zu sein ihre Zukunft eigenverantwortlich zu gestalten? Diese Fragen werden bis heute gestellt. Auch in der Arbeit mit den Erwachsenen. Die Geldfrage, die Frage der Hierarchie, die Frage, wie gehen wir miteinander um? In Monte Azul waren diese Begriffe von vorneherein da und wurden nicht missverstanden.
E. D.
Wie sieht diese Praxis aus?
Claudia Vivacqua de Figueiredo
Es ist ein stetiges Bemühen aller, ein immer wieder Hinschauen, Reflektieren und Korrigieren. Dazu werden Räume gestaltet und gepflegt, in denen jeder fühlen und prüfen kann: Wo stehe ich, wo stehen wir? Das führt zu permanenten Korrekturen und einem behutsamen Ausrichten auf ein Ganzes und Übergeordnetes hin; immer wissend, dass niemand die Wahrheit hat. Das ist, glaube ich, sehr wichtig. Niemand in Monte Azul ist so vermessen, zu denken, er allein habe die Wahrheit oder kenne die rechte Methode. Ich glaube, das ist das, was Ute Craemer aus ihrer Haltung heraus in Monte Azul möglich gemacht hat. So ist es eine immer währende Arbeit, an der sich alle gleichberechtigt beteiligen. Daraus erwächst eine unheimlich freilassende Atmosphäre, entsteht etwas Wesentliches. Dort ist vielleicht das zu finden, was du mit dem Unsichtbaren meinst.
E. D.
Das hört sich traumhaft an, aber auch etwas abgehoben. Ich weiß nicht, ob ich das glauben will.
Claudia Vivacqua de Figueiredo
Keine Sorge. Auch in Monte Azul gibt es jeden Tag Ärger, wie es überall Ärger gibt, wenn Menschen etwas zusammen tun. Jeder für sich ist natürlich nur bedingt freilassend. Aber durch die regelmäßigen Gespräche, Seminare und Konferenzen werden eben auch die Unstimmigkeiten und alles Schlimme auf den Tisch gebracht und angeschaut. Eben weil alle menschlichen Unzulänglichkeiten, alle menschlichen Schwächen angeschaut wurden, darum denke ich, kann in Monte Azul immer wieder etwas Neues entstehen, etwas, das ich woanders in dieser Qualität nicht finden konnte. Wenn du einmal in dieser Art gearbeitet hast, ist es wahnsinnig schwer, woanders zu arbeiten.
E. D.
Sie sagten, dass Sie regelmäßig Seminare und Konferenzen abgehalten haben. Wie genau kann ich mir das vorstellen?
Claudia Vivacqua de Figueiredo
Ich kenne kein Projekt, in dem es so selbstverständlich ist, dass sich alle Mitarbeiter jeden Samstag zum Seminar treffen. Egal ob sie lesen oder schreiben konnten. Jeder war dabei. Und jeder hat an den Konzepten mitgearbeitet. Alles wurde angehört und niemals wurde etwas einfach hinweg gewischt. Alle Themen wurden mit großer Ernsthaftigkeit besprochen. Das heißt, wir haben den Alltag mit den Kindern gelebt und wir hatten immer die Möglichkeit, uns unsere Arbeit anzuschauen. Jeden Samstag, das gehörte einfach dazu. Es war schön zu erleben, dass da Menschen sind, die bereit sind, neben der wöchentlichen Arbeit auch noch am Samstag diese wichtige Arbeit zu tun. Das hat mir die Sicherheit gegeben, dass wir uns, mit dem, was wir taten und wollten, nicht verliefen.
E. D.
Was war das Besondere in der Arbeit mit den Kindern?
Claudia Vivacqua de Figueiredo
Jetzt kommen Sie zu einem Aspekt, der mir persönlich ganz wichtig ist. Ich glaube daran, dass die Arbeit mit den Kindern das Wichtigste ist, was wir heute als Gesellschaft zu leisten haben. Wenn wir ernsthaft dafür Sorge tragen wollen, dass unsere Kinder eine Chance haben in einer menschenwürdigen Gesellschaft zu leben, dann sind wir ihnen gegenüber hier und jetzt verpflichtet in diesem Sinn mit ihnen zu arbeiten; dass wir jetzt die Grundlagen legen müssen für eine zukünftige Gesellschaft und für mich heißt das, dass wir bei den Kindern anfangen müssen, wenn wir grundlegend etwas verändern wollen. Natürlich kannst du dich auch noch als Erwachsener entwickeln und verändern, aber es ist ein ungleich schwerer Prozess, der unheimlich lange dauert. Ich glaube, dass wir uns das nicht bewusst genug machen. Bei uns Erwachsenen geht das alles nur sehr langsam. In der Kindheit dagegen ist alles offen, ist alles plastisch formbar. In Monte Azul wurde von Beginn an großen Wert auf die Arbeit mit den Kindern gelegt. Das war einer meiner Hauptgründe, warum ich nach Monte Azul wollte. Ich habe gedacht: Ja, mit den Kindern muss man anfangen, da kann man noch so viel machen. Erwachsene, die schon in der Welt stehen, das ist eine andere Arbeit. Natürlich als Erwachsene können wir uns auch verändern. Aber es ist etwas anderes, wenn schon in den Kindern die Keime der Menschenwürde angelegt werden. Daraus entwickeln sich ganz andere Möglichkeiten, dann hat der Mensch eine ganz andere Chance im Leben zu stehen und dies zu gestalten. Ja, die Kinder, die sind plastisch. Das ist das Schönste und das Tragischste.
E. D.
Wenn Sie das sagen, dann kommen mir sofort Bedenken. Und meine Frage ist: Wer plastiziert denn da die kindliche Seele? So schlau, bereits in der kindlichen Seele eine Ideologie einzupflanzen, sind ja viele. Ja, wenn ich will, dass meine Weltanschauung Gültigkeit erlangt, dann fange ich natürlich bei den Kindern an. Was gibt Ihnen die Sicherheit, dass Sie keinen Schaden in der Kinderseele anrichten?
Claudia Vivacqua de Figueiredo
Deswegen habe ich gesagt, es ist das Schönste und das Tragischste. Bei der Arbeit in Monte Azul habe ich gesehen und erfahren, dass es kein Plastizieren von außen ist. Wir, die dort arbeiten, dringen nicht in die kindliche Seele von außen ein. Es ist schwer, das zu beschreiben. Es geht nicht darum, die eigene Idee in ein Kind zu implantieren. In ihrer Arbeit gibt es keine intellektuellen Vorgaben, es kommt einfach nur darauf an, es zu tun. Kindern kannst du keinen intellektuellen Vortag halten, du musst es tun, und du musst es aus einer inneren Haltung heraus tun, die für die Kinder nachvollziehbar ist. Es ist die Haltung des Herzens, eine moralische Haltung dem Menschsein gegenüber. Ich habe es erfahren. Ich kann Ihnen keine Beweise für die Richtigkeit liefern. Ich kann es nur beschrieben aus dem heraus, was ich dort gefühlt und erlebt habe. Als ich in Monte Azul angefangen habe, da haben wir mit Frauen aus den Favelas gearbeitet. Zum Teil waren sie Analphabetinnen, auf jeden Fall hatten sie keine pädagogische Ausbildung, aber sie hatten ein großes Herz für die kleinen Kinder. Das restliche Wissen kann man erwerben. Aber wenn man die Herzbildung nicht hat, dann wird es schwer.
E. D.
Wenn ich Sie hier und jetzt erlebe, dann spüre ich schon, was Sie meinen. Und ich kann vielleicht sagen, dass ich Ihnen das glaube, aber eine plausible Begründung für die Herangehensweise und ihre Richtigkeit hätte ich schon gerne.
Claudia Vivacqua de Figueiredo
Ich glaube, dass das nicht geht. Ich kann es Ihnen wirklich nicht beweisen. Ich glaube, man kann es eben nur erfühlen, wenn man in den Favelas arbeitet. Ich finde meine Sicherheit in dem unendlichen Bemühen unsere Konflikte und Fragen, die sich aus der täglichen Arbeit ergaben, aufzulösen. Dieses ständige Bemühen um Fragen, das Hineinnehmen aller Schwierigkeiten, das hat mir immer wieder bestätigt - und das war eben nicht nur ein Gefühl - ich habe es ganz konkret erlebt, dass es stimmt. Wir haben oft um die Kinder geweint, die schwierig für uns waren. Und heute ist es eine Freude zu sehen, was aus ihnen geworden ist, wie diese Kinder sich entwickelt haben.
E. D.
Könnte ich also sagen, dass Monte Azul ein Vorzeigemodell ist?
Claudia Vivacqua de Figueiredo
Ich würde Monte Azul nicht als Vorzeigemodell bezeichnen. Das mag ich überhaupt nicht. Ich würde sagen: Es ist ein Ort, an dem ich erfahren kann, wie eine menschenwürdige Zukunft zu gestalten ist. Es ist, vielleicht könnte man sagen, ein Übungsmodell.
E. D.
Also war die Arbeit und das Leben dort in erster Linie ein Übungsraum für Sie. Wer hat da dann eigentlich wem geholfen?
Claudia Vivacqua de Figueiredo
Ich war diejenige, die in der Arbeit mit den Kindern lernen durfte und deren Leben reich geworden ist. Das geht ganz vielen Menschen so, die nach Monte Azul kommen. Zunächst meinen sie, sie seien diejenigen, die helfen. Aber bald merken sie, gerade wenn sie aus den westlichen Industrieländern kommen, dass sie diejenigen sind, denen geholfen wird. Diese Herzenswärme, die sie in Monte Azul finden, diese Freundlichkeit und Offenheit der Menschen dort, dies in das eigene Sein hinein nehmen zu können, das ist das große Geschenk, das du dort bekommst.
E. D.
Nun leben und arbeiten Sie seit Jahren wieder in Deutschland. Was von diesem Geschenk konnten Sie für sich bewahren?
Claudia Vivacqua de Figueiredo
Erst im Nachhinein habe ich gemerkt, wie sehr ich in der sozialen Frage ausgebildet worden bin. Und das in einer so besonderen Art. Ich denke, dass nicht viele Menschen eine solche Chance bekommen. Das trägt mich ungemein. Ich habe durch die unendlich vielen Seminare und Gespräche zur Erziehung, zur Pädagogik, zur Wirtschaft, über das Geld, zur Dreigliederung und zu so vielen Themen immer wieder neue Sichtweisen bekommen. Das Wertvollste für mich aber war der Umgang untereinander, diese Offenheit und Herzenswärme, die ich dort kennenlernen durfte und die ich hier nun so selten finde.
E. D.
Wenn Sie das erzählen, dann denke ich: Ja, wenn ich in so einer Gemeinschaft, wie sie sich in Monte Azul gebildet hat, lebe, dann fällt es mir selbst wahrscheinlich auch leichter, so zu leben. Ich kann mir vorstellen, dass man in so einer Art der Arbeit und des Miteinanders eine innere Zufriedenheit entwickeln kann. Wenn Sie nun aber wieder hier in Deutschland leben, können Sie sich das, was Sie dort für sich erkannt und auch schon gelebt haben, bewahren oder fallen Sie hinter das eigene Erkennen zurück?
Claudia Vivacqua de Figueiredo
Es ist nicht immer einfach dort zu arbeiten, dafür aber sinnvoll. Man hat immer Zweifel und Fragen. Was ich bewahren konnte, das ist eine heikle Frage. Ich denke, es ist ein Sowohl als ein Auch. Zum Teil konnte ich einiges von dem, was ich in Monte Azul gelernt habe, behalten und hier in Deutschland etwas von dem Geist, der dort herrscht, beitragen. Was ich aus Monte Azul mitgebracht habe, das ist mein Schatz. Das ist die Quelle, aus der ich schöpfen kann. Natürlich werde ich hier nicht immer verstanden. Das ist schwer. Wenn du so was erlebt hast, dann willst du es weiter geben, aber das soziale Leben läuft hier ganz anders.
E. D.
Das hört sich an, als sprächen Sie von etwas Heiligem.
Claudia Vivacqua de Figueiredo
Nein, es ist überhaupt nicht heilig.
E. D.
Was ist es dann?
Claudia Vivacqua de Figueiredo
Es ist etwas Besonderes, etwas Zukünftiges.
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Gesprächsteil mit Hermann Pohlmann

Edda Dietrich
Herr Pohlmann, Sie selbst haben ja auch für ein Jahr in Monte Azul gelebt und gearbeitet. Heute ist Ihr Eintreten für Monte Azul ein wesentlicher Bestandteil Ihrer Arbeit. Zum einen organisieren Sie mit “Monte Azul Reisen” mehrwöchige Reisen von Deutschland aus in die Favela und ermöglichen außerdem jungen Menschen im Rahmen eines freiwilligen Jahres als Volontär in Monte Azul zu arbeiten. Im Moment bereiten Sie zudem eine Tagung im Goetheanum vor, zu der neben Referenten aus Deutschland und England, Ute Craemer, die Gründerin von Monte Azul, selbst und viele der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommen werden. Warum betreiben Sie diesen Aufwand?
Hermann Pohlmann
In Monte Azul habe ich etwas gefunden, was ich als Künstler lange Zeit für mich gesucht habe. Ich kann sagen, ja die Arbeit, die ich heute in Verbindung mit Monte Azul leiste, das ist Teil meiner Kunst, das ist für mich die Soziale Kunst, die Rudolf Steiner meinte, zu der ich einen besonderen Zugang gefunden habe über das Studium der Philosophie der Freiheit oder auch Schillers Ästhetischen Briefen und vor allem in der Auseinandersetzung des Erweiterten Kunstbegriffes und der Sozialen Plastik von Joseph Beuys.
E. D.
Ich weiß nicht, wie ich das verstehen soll. Machen Sie diese Arbeit nun der Menschen wegen oder als Kunst in Anlehnung an Steiner, Schiller und Beuys?
Hermann Pohlmann
Diese beiden Aspekte kann ich gar nicht voneinander trennen. Die Kunst, an der ich arbeite, ist eine, die den Menschen meint, die Soziale Dreigliederung, der Soziale Organismus oder eben die Soziale Plastik wie Joseph Beuys sie formulierte. “Jeder Mensch ein Künstler an seinem Arbeitsplatz”, das ist ja das, was mir in Monte Azul entgegengekommen ist, das kreative, gleichberechtigte Gestalten einer menschenwürdigen Gesellschaft aus der Freiheit aller, eines jeden Menschen, heraus.
E. D.
Dass alle gleichberechtigt an der Gesellschaft mitgestalten, das ist doch erst einmal der Gedanke der Demokratie. Also, das ist doch Politik. Und den Menschen, die Möglichkeit zu geben, ihre Fähigkeiten zu entwickeln, das ist Bildung oder vielleicht auch Sozialpädagogik. Dass es menschenwürdig zu geht in der Welt, das wäre wünschenswert in der Wirtschaft. Und dass die Menschen kreativ werden, na gut, das ist vielleicht ab und zu auch Kunst.
Hermann Pohlmann
Alles zusammen ist Kunst, ist die Kunst, die es heute braucht, damit wir Menschen zu dem kommen, was unsere Bestimmung ist. Jeder für sich ganz persönlich aber auch alle zusammen als Menschheit. Das ist das, was ich bei Joseph Beuys in der Sozialen Skulptur nach langem Suchen für mich gefunden habe. Das ist die direkte Demokratie, das ist das permanente Gestalten des Gleichheitsprinzips, das ist ein Wirtschaften, das sich an der Würde eines jeden Menschen ausrichtet. Alles zusammen macht das große Gesamtkunstwerk aus, das wir Menschen heute schaffen können.
E. D.
Ist das nicht sehr utopisch?
Hermann Pohlmann
Wenn ich auf Monte Azul schaue, dann ist es dort für mich in Ansätzen schon sehr konkret. Ich denke, dort ist einer der Anfänge gesetzt, von dem was eine zukünftige Gesellschaft sein kann.
E. D.
Meinen Sie, dass in Monte Azul etwas lebt, von dem Joseph Beuys sagt, dass es aus der Zukunft kommt? Ist es das, wofür wir neue Wahrnehmungsorgane ausbilden sollen, um es empfangen und verstehen zu können, dass wir schließlich selbst es sind, die die Welt in einem Göttlichen gestalten?
Hermann Pohlmann
Ja, ich denke, dass von dieser Zukunft in Monte Azul schon etwas lebendig geworden ist. Etwas, was manchmal in Erscheinung tritt, nicht permanent. Es ist ein ständiges Ringen darum. Und vielleicht haben Sie bemerkt, wie schwer es für einen Menschen ist, der wie Claudia schon einiges von dem Zukünftigen erfahren durfte, wie schwer es ist, Ihnen das zu vermitteln, was dort das Wesenhafte ist.
E. D.
Ja und nein. Also, wenn Sie beide von Monte Azul erzählen, dann kann ich, glaube ich, etwas von dem, was Sie meinen spüren, auch wenn ich es ihren Worten und den einzelnen Sätzen dann doch wieder nicht entnehmen kann. Als Mensch bekomme ich durch das, was Sie im Gespräch zwischen uns entstehen lassen, denke ich, schon eine Ahnung von dem, was gemeint ist. Aber als Journalistin stehe ich dann schnell wieder vor vielen Fragezeichen, wenn ich es beschreiben will.
Hermann Pohlmann
Ja, genau. Und so geht es uns auch. Das, was in Monte Azul so lebendig ist, diese besondere Qualität des Miteinanders, die so anders ist als das uns Bekannte und Gewohnte, das ist das, worum es geht, ist das, das man nur mit dem Verstand eben nicht beschreiben kann. Man muss es wirklich erlebt haben, um es dann ganz auch mit dem Herzen zu verstehen. Vielleicht wie bei einem guten Musikstück oder einer Malerei, einer Skulptur.
E. D.
Jetzt bekomme ich eine Ahnung, warum sie “Monte Azul Reisen” ins Leben gerufen haben und mit den Menschen dort hinfahren wollen.
Hermann Pohlmann
Ja, ich glaube, es gibt keinen anderen Weg, um zu verstehen, was das Besondere in Monte Azul ist, als selbst dort gewesen zu sein. Es ist wie bei einer Architektur, man muss sie durchschreiten, um sie zu verstehen.
E. D.
Aber bedienen Sie da nicht diesen merkwürdigen Voyeurismus: Die Touristen kommen in einer Gruppe angestürmt und strömen in die Favela ein, um ein wenig Abenteuerurlaub zu erleben?
Hermann Pohlmann
Die Gefahr mag bestehen. Jedenfalls könnte es ein Motiv sein, sich zu dieser Reise anzumelden. Aber ich habe großes Vertrauen in die Prozesse. Die Teilnehmer der Reise leben bei und mit den Familien in der Favela, sie arbeiten mit in den Werkstätten, beteiligen sich am kulturellen Programm und erleben zum Teil die permanente Konferenz in Monte Azul. Ein Miteinander, wie ich es meine, stellt sich da von ganz alleine ein.
E. D.
Ihr Reisebüro ist also mehr ein Kunstwerk, als dass es ein Wirtschaftsunternehmen ist, es ist mehr eine Idee.
Hermann Pohlmann
Ja, allerdings eine ganz konkrete Idee oder schon mehr als eine Idee, so etwa auf der Ebene wie der Omnibus für Direkte Demokratie, das ist ja auch eine ganz konkrete Idee, ein Kunstwerk, hier wird ganz konkret gehandelt.
E. D.
Also in diesem Sinn kann ich endlich alles zur Kunst erheben.
Hermann Pohlmann
Das eben nicht. Nein, ganz und gar nicht. Jetzt vergessen Sie etwas. Es geht ja nicht um das einzelne Projekt. Es geht nicht ums Reisen, nicht um das Omnibusfahren, es geht um die Bewusstseinsprozesse, die in der Arbeit möglich werden. Ohne diese ist es eben keine Kunst.
E. D.
Können Sie mir das mal an einem Beispiel verdeutlichen?
Hermann Pohlmann
Monte Azul ist ja wirklich eine Favela. Dort wird gelebt und gearbeitet, wie überall auf der Welt gelebt und gearbeitet wird. Es ist also nicht nur eine Idee irgendetwas ganz da oben, sondern es ist hier unten auf der Erde. Es ist aber eben auch ein Sozial-Experiment, das nun schon seit 30 Jahren lebendig ist. Und als solches ist es ein Kunstwerk, ist es ein Hinweisendes darauf, wie eine ganze Gesellschaft zu einer Form des menschlichen Miteinanders kommen kann. Also Monte Azul existiert, aber es existiert in einem besonderen Bewusstsein dafür, dass es mehr sein will, als nur der Ort, an dem so gelebt und gearbeitet wird. Es geht um ein wachsendes Bewusstsein, um das Erwachen als neuer Mensch und es geht um die Revolution der Begriffe.
E. D.
Ich dachte, es ging um unser Menschsein. Wieso geht es plötzlich um Begriffe und dann auch noch um eine Revolution? In Claudia Vivacqua de Figueiredos Erzählungen über Monte Azul habe ich vorrangig etwas anderes wahrgenommen. Sind Sie sicher, dass Sie beide von demselben sprechen?
Hermann Pohlmann
Ja, natürlich sprechen wir von demselben. Aber ich glaube, wir nähern uns diesem von unterschiedlichen Seiten.
E. D.
Ja, das spüre ich auch. Frau Vivacqua de Figueiredo beschreibt Monte Azul sehr aus dem Erfahrenen und ihren Gefühlen dazu und Sie kommen mehr aus dem, was Sie verstandesmäßig erfasst hast. Es wirkt ein wenig wie Yin und Yang. Wie das Weibliche und das Männliche, wie die weibliche und die männliche Erfahrungswelt. Könnte ich das so sagen?
Hermann Pohlmann
Ja, wenn Sie bedenken, dass das eine immer auch in dem anderen enthalten ist. Aber ja, es stimmt. Ich glaube, dass ich so sehr mit Monte Azul verbunden bin, das hat damit zu tun, dass ich dort etwas erfahren konnte, was ich zuvor schon als Gedanke in mir trug. In Verbindung mit der Herzenswärme und der Offenheit, die bei den Menschen in Brasilien viel gegenwärtiger ist als bei uns Menschen hier im Westen, habe ich, sagen wir ruhig, den weiblichen Teil gefunden, der fehlte, um das Ganze dann wirklich zu verstehen. Ich würde das gerne mit den Worten von Joseph Beuys beschreiben: Er sagte: “Bei dem Entwurf der Alternative, das heißt, des DRITTEN WEGES, gehen wir vom Menschen aus. Er ist der Bildner der SOZIALEN PLASTIK und nach seinem Maß und seinem Wollen muss der Soziale Organismus eingerichtet sein. Nach Gefühl und Erkenntnis der Menschenwürde gelten dem Menschen heute drei Grundbedürfnisse als vorrangig.” Er sagte eben nach Gefühl und Erkenntnis.
E. D.
Gut, das habe ich verstanden. Was aber sind nun die drei Grundbedürfnisse des heutigen Menschen?
Hermann Pohlmann
Beuys beschrieb sie folgendermaßen: “Erstens: Er - der Mensch - will seine Anlagen und seine Persönlichkeit FREI ENTWICKELN und seine Fähigkeit in Verbindung mit den Fähigkeiten seiner Mitmenschen FREI für einen als SINNVOLL erkannten Zweck einsetzten können.
Zweitens: Er erkennt jede Art von Privileg als untragbare Verletzung der demokratischen Gleichberechtigung. Er hat das Bedürfnis, als mündiger Mensch hinsichtlich aller Rechte und Pflichten – ob sie in einen wirtschaftlichen, sozialen, politischen oder kulturellen Zusammenhang gehören – als GLEICHER UNTER GLEICHEN zu gelten und am demokratischen Vereinbaren auf allen Ebenen und in allen Bereichen der Gesellschaft mitbestimmen zu können.
Drittens: Er will SOLIDARITÄT SCHENKEN UND SOLIDARITÄT IN ANSPRUCH NEHMEN.
Wer sich dieses Bild der evolutionären Alternative vor Augen führt, hat ein klares Grundverständnis von der SOZIALEN PLASTIK, an welcher der Mensch als Künstler formt. Wer sagt, dass es eine Veränderung geben muss, aber die Revolution der Begriffe überspringt und nur gegen die äußeren Verkörperungen der Ideologien anrennt, wird scheitern. Er wird entweder resignieren, sich mit Reformieren begnügen oder aber in der Sackgasse des Terrorismus landen. Drei Formen der Strategie des Systems.
E. D.
Darin erkenne ich das, was Frau Vivacqua de Figueiredo über die Arbeit in Monte Azul berichtet hat, wirklich wieder. So allmählich, glaube ich, wird es rund für mich. Aber bitte erläutern Sie doch noch einmal, was mit der Revolution der Begriffe gemeint ist.
Hermann Pohlmann
Es ist das, was in Monte Azul zum Beispiel während der vielen Konferenzen und Gespräche seit 30 Jahren permanent geleistet wird. Jeder Begriff wird immer und immer wieder genau von allen angeschaut. Was meint zum Beispiel Arbeit wirklich? Es zählt nicht das, zu dem der Begriff Arbeit geworden ist, wenn wir heute von Arbeit reden, sondern das, was der Begriff in seinen Wesen ist und zu was er sich entwickeln kann, das muss immer wieder neu gefasst werden.
E. D.
Und das gilt nun für jeden Begriff? Das scheint aber eine Menge Arbeit zu werden.
Hermann Pohlmann
Sie sagen es. Es ist eine Arbeit, mit der wir niemals fertig werden, weil es in ihr kein Ende, kein Ergebnis, sondern nur den gemeinsamen Prozess aller Menschen gibt.
E. D.
Dann wird es wohl Zeit, dass auch wir hier endlich damit anfangen, oder?
Hermann Pohlmann
Es sind ja schon viele Menschen dabei. Im Moment bereiten wir ja gemeinsam mit Monte Azul und der Sozialwissenschaftlichen Sektion des Goetheanums die Tagung Soziale Skulptur – Monte Azul vor. Dort kommen vom 3. bis zum 5. Oktober viele Frauen und Männer zusammen, die in diesem Geist schon seit langen in der Welt tätig sind.
E. D.
Und die Tagung soll gleichzeitig erfahrbar werden lassen, was Monte Azul in seinem Wesen ist?
Hermann Pohlmann
Ja, aus diesem Grund werden neben Ute Craemer viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Monte Azul nach Dornach reisen und die Tagung wesentlich gestalten. Es ist eine Einladung an uns Menschen hier im Westen etwas von dem zu erspüren, was dort schon lebendig ist. Vielleicht kann das für den einen oder anderen ein Anfang sein, dass das, was wir hier im Westen oftmals schon mit unseren Köpfen verstanden haben, mit unserem Herzwissen in Verbindung zu bringen. Das ist sicherlich, das was die Menschen um Ute Craemer für uns Menschen hier tun können.


