Die Plastik bildet den Anfang der künstlerischen Tätigkeit Rudolf Steiners. Anläßlich des theosophischen Kongresses in München 1907 entstanden Entwürfe zu Säulenkapitellen, die als Vorlage für die Dekoration des Versammlungssaales dienten. Sie zeigen schrittweise sich verwandelnde Formen, die sich zuerst verdichten und ein Zentrum bilden, um sich dann zu öffnen und mit dem Umkreis zusammenzuklingen. Diese Motive waren für die meditative Arbeit bestimmt und sollten, rein künstlerisch, also nicht symbolisch, sondern mit der Empfindung aufgefasst, zur Verlebendigung der inneren Anschauung dienen. Damit versuchte Rudolf Steiner Goethes Entdeckung der Metamorphose der Pflanze über ein Verständnis der Natur hinaus fruchtbar zu machen. Gleichzeitig bildeten diese Motive den Ausgangspunkt von Rudolf Steiners plastisch-architektonischem Schaffen und den Kern des ab 1913 entstehenden Goetheanums, zu denen einen Fülle weiterer Motive hinzukommt: Sockel, Architrav- und Portalmotive, die alle auf unterschiedliche Weise Formverwandlungen durchmachen. Sie bilden ein Relief, das die Raumgrenze lebendig und beweglich macht. Damit war die Absicht verbunden, das Abschließende der Wand zu überwinden und die Weite des geistien Kosmos fühlbar zu machen.
Der Menschheitsrepräsentant
Die Figurengruppe des Menschheitsrepräsentanten nimmt an dem Prinzip der Formverwandlung auf eine ganz andere Weise teil. Hier findet sich eine menschliche Gestalt zwischen zwei weiteren, gegensätzlich gebildeten Figuren. Die eine ist segelartig gebläht und stürzt sich über und hinter der mittleren Figur in einen Abgrund.
Die andere ist verknöchert und gräbt sich von unten in eine Höhle. Damit kommen Kräfte zur Anschauung, die in ihrer Gegensätzlichkeit als fiebrige Auflösungstendenz und sklerotisierende Verfestigung in der Bildung der menschlichen Gestalt tätig sind. Im gesunden Fall befinden sich diese Tendenzen im Gleichgewicht und werden dadurch unkenntlich.
Aus der menschlichen Gestalt herausprojiziert werden sie dagegen in ihrer Einseitigkeit anschaulich. Die zentrale Figur mit ihren weit nach oben und unten weisenden Armen stellt sich als eine aktive Mitte zwischen diese Extreme und fordert auf, zwischen diesen ein bewusstes Gleichgewicht herzustellen.
Als „Menschheitsrepräsentant“ bezeichnet Rudolf Steiner die als „Höhepunkt“ und „Mittelpunkt“ des ersten Goetheanum gedachte, neuneinhalb Meter hohe Skulptur aus geschnitztem Ulmenholz. Sie sollte im hinteren Teil der Bühne des ersten Goetheanum ihren zentralen Platz haben.
Diese auch „plastische Gruppe“ oder einfach „Gruppe“ genannte Plastik wurde von Rudolf Steiner mit Edith Maryon in verschiedenen Schritten 1914–17 in Modellen konzipiert und ab 1917 bis zum Tod Rudolf Steiners 1925 in einem eigens gebauten Atelier („Hochatelier“) geschnitzt. Sie ist erhalten geblieben, da sie sich zum Zeitpunkt des Brandes des ersten Goetheanum noch im Atelier befand.
Heute sind diese nicht vollendete, Christus in der Auseinandersetzung mit Luzifer und Ahriman darstellende monumentale Plastik und Vorstudien dazu in einem eigenen Raum im Goetheanum zu sehen. Das gleiche Motiv war auch auf der Deckenmalerei in der kleinen Kuppel des ersten Goetheanum zu sehen.
- Robin Schmidt
Raab, Rex: Edith Maryon, Bildhauerin und Mitarbeiterin Rudolf Steiners, Dornach 1993, S. 137 ff.; Fant, Åke u. a.: Die Holzplastik Rudolf Steiners in Dornach, Dornach 1981; Atwood, Sophia Imme: Die Bedeutung der Holzplastik Rudolf Steiners für die anthroposophische Kunst, Dornach 2002. Der „Menschheitsrepräsentant“
Edith Maryon

(1872 London - 1924 Dornach) liess sich zur Bildhauerin am Royal College of Art in London ausbilden. Nach einer intensiven und vielversprechenden bildhauerischen Tätigkeit in Grossbritannien war sie von 1914 bis zu ihrem Lebensende enge Mitarbeiterin von Rudolf Steiner (1861-1925). Dabei war sie massgeblich an Rudolf Steiners plastischen und architektonischen Arbeiten beteiligt.
Neben ihrer künstlerischen Tätigkeit setzte sie sich intensiv mit sozialen Fragen auseinander. Dabei interessierte sie insbesondere, wie sich die Architektur und das plastische Gestalten auf den Menschen und sein soziales Verhalten auswirken, respektive wie das Zusammenleben von Menschen dadurch begünstigt werden kann.
Bemerkenswert sind auch ihre Arbeiten zu den Eurythmiegesten Steine
Biographie von
Edith Maryon auf
www.kulturimpulse.org
links: Entwürfe Edith Maryon
rechts: Entwürfe Steiner

- Verzweifelung

- Andacht




