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Gesundheitsrisiken ignoriert - EU läßt gentechnisch veränderten Mais zu

von Johannes Wirz

Die Folgen gentechnisch veränderter Organismen auf ihre Umwelt entscheiden über ihre Akzeptanz und nicht zuletzt ihre Zulassung. In verschiedenen Studien wurden bereits direkte oder mittelbare Gesundheits- und Lebensgefährdungen bei (Futter-)Pflanzen nachgewiesen. Trotzdem kommen sie in der EU zum Einsatz.

Vor ungefähr vier Jahren hat die biotechnologiefreundliche Regierung Blair in Großbritannien die bisher umfangreichste Studie über die ökologischen Folgen gentechnisch veränderter Kulturpflanzen in Auftrag gegeben. Die im letzten Jahr präsentierten Ergebnisse sprachen ein vernichtendes Verdikt. Sie zeigten, daß vielen Wildpflanzen, Insekten und Vögeln die Ausrottung droht, wenn herbizidresistente Kulturen angebaut und während des gesamten Aufwuchses gespritzt werden. Darüber hinaus ließ die Studie keinen Zweifel offen, daß die Koexistenz von gentechnisch veränderten Organimen (GVO) und GVO-freier Landwirtschaft beim Raps mit Sicherheit unmöglich, beim Mais nur sehr beschränkt möglich wäre.

 
Trotz nationaler Bedenken

Trotzdem haben die Länder der EU dem Druck der USA nachgegeben und den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen im Prinzip bewilligt. Seit dem 18. April 2003 dürfen Lebensmittel, die Zutaten aus GVO-Pflanzen enthalten, mit einer entsprechenden Kennzeichnung verkauft werden. Noch müssen Fragen der Koexistenz und Haftung von den einzelnen Staaten geklärt werden. Aber die EU-Behörde ist der Überzeugung, daß GVO-Kulturen kein gesundheitliches Risiko darstellen. Wie ‹Le Monde› vom 23. April 2004 aus einem vertraulichen Gutachten berichtet, ist diese Behauptung sehr wahrscheinlich nicht richtig.

Die französische Gentechnik-Kommission (CGB) habe bereits am 28. Oktober 2003 nach Prüfung der Ergebnisse von Versuchen an Ratten, die mit dem gentechnisch veränderten ‹Monsanto›-Mais ‹Mon 863› gefüttert wurden, von der Kommerzialisierung dieser Sorte abgeraten. Nach der Versuchsdauer von 90 Tagen zeigten Männchen gegenüber Kontrolltieren, die mit derselben Maissorte ohne Fremdgen gefüttert worden waren, eine auffällige Erhöhung der Zahl der weißen Blutkörperchen und Anomalien an den Nieren. Bei Weibchen wurde eine Verminderung der Retikulozyten, den Vorläuferzellen der roten Blutkörperchen, und eine signifikante Erhöhung des Blutzuckerspiegels festgestellt.

«Die Kommission ist nicht in der Lage, gesundheitliche Risiken auszuschließen», lautete das Fazit der CGB. Außerdem bemängelte die Kommission, daß für die Untersuchung keine Fütterungsversuche mit Rindern durchgeführt wurden, da dieser Mais künftig bei der Herstellung von Kraftfutter für Milchkühe verwendet werden soll.

Offen bleibt nach Auffassung der Kommission, ob solche Versuche auf den Menschen übertragbar sind. Die Diät der Versuchstiere besteht zu 30 Prozent aus Mais. In der menschlichen Ernährung kann man bestenfalls von fünf Prozent ausgehen. Bei solchen Mengen müssen Effekte geringer ausfallen und können erst nach längerer Zeit erwartet werden. Für aussagekräftige Ergebnisse und aus der Sicht einer guten wissenschaftlichen Praxis müßten daher in den Versuchen ähnlich geringe Mengen verfüttert und die Tiere über viel längere Zeiträume beobachtet werden. Man kann – böswillig – unterstellen, daß das ungenügende experimentelle Design von Fütterungsstudien vor allem dazu dient, die Unbedenklichkeit von Produkten aus GVO-Pflanzen nachzuweisen.

Skandalös an der ganzen Sache ist, daß ‹Mon 863› trotzdem auf den Markt gebracht werden darf. Die EU-Behörde für Nahrungsmittelsicherheit (EFSA) gab am 19. April 2004 grünes Licht für den kommerziellen Anbau. Diese Anweisung ist um so fragwürdiger, als bereits im August 2002 eine wissenschaftliche Kommission in Deutschland den Anbau wegen der ebenfalls mit eingebauten Antibiotikaresistenz abgelehnt hatte.

 

Vorenthalten wichtiger Informationen

Die Recherchen von ‹Le Monde› ergaben, daß in der Vergangenheit in Tierversuchen mit GVO-Pflanzen bereits öfters gesundheitliche Nebenwirkungen beobachtet werden konnten, aber nicht veröffentlicht wurden. Daß hinter dem Entscheid der EFSA nicht einfach nur unterschiedliche Interpretationen wissenschaftlicher Daten stehen, sondern daß er als politischer Kniefall vor den Saatgutkonzernen und den USA bezeichnet werden muß, wird aufgrund der Klagen der CGB offensichtlich. Sie bekommt in vielen Fällen, die sie beurteilen muß, von Industrie und Behörde nur unvollständige Dossiers; relevante Informationen fehlen mit Hinweis auf industrielle Geheimhaltung.

Frankreichs Umweltminister Serge Lepeltier ist durch die Veröffentlichungen in ‹Le Monde› arg unter Druck geraten. Er hat bereits rigorosere wissenschaftliche Abklärungen und eine große öffentliche Debatte über GVOs versprochen. Eine öffentliche Diskussion ist nach Meinung kritischer Konsumenten- und Umweltorganisationen nur unter zwei Bedingungen sinnvoll: Erstens muß sie der Aufhebung des bestehenden Moratoriums für den Anbau von GVOs vorangehen. Zweitens müssen die Resultate über die bisher durchgeführten Fütterungsversuche publiziert werden, damit eine echte Urteilsbildung über die Gesundheitsrisiken stattfinden kann.

Die Befürworter der Gentechnologie operieren mit allen Tricks, die sie so gern den Anhängern des ökologischen Landbaus vorwerfen: Unaufrichtigkeit und eine Haltung, die als zutiefst unwissenschaftlich bezeichnet werden muß.

Johannes Wirz

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