Lernen an den Phänomenen – Ein Leben lang
Alles bloss Erklärte und Kapierte, das man auswendig lernen kann, wird abgehakt und beiseite gelegt – die Welt ist wieder kleiner geworden.
Wir wollen aber die Welt gross und immer grösser werden lassen, damit immer wieder Neues gelernt werden kann.
Gefühlsmässiges Erleben...
Staunende Augen leuchten wie die funkelnden Sterne, die am klaren Winterhimmel über den Köpfen der Schülerschar glänzen und leuchten. Vergessen sind Kälte und Anstrengung des Nachtmarsches. Mit innerem Feuer werden die Formen der Sternbilder am Himmel gesucht und gefunden. Die Zwölfjährigen haben sie zuvor in ihrer ersten Astronomieepoche, einem Blockunterricht während mehrerer Wochen, durch mythische Erzählungen der Griechen kennen und dann zeichnen gelernt: grosse, wie Herkules und Pegasus, oder kleine, wie die funkelnde Leier.
Ehrfurchtsvoll wird am Schwanz des Kleinen Bären der Polarstern entdeckt und staunend beobachtet, wie dieser dem Lauf der Sterne als ruhender Pol Ordnung verleiht.
Vor den Tierkreisbildern am südlichen Horizont heben sich Saturn und der aufsteigende Jupiter aus dem gleichförmigen Gang des Sternenteppichs heraus und werden jubelnd begrüsst. Vor lauter Sternen könnte es einem schwindlig werden, fände nicht jeder Beschauer seinen Ruhepunkt dort, wo er selbst gerade steht. Er selbst ist das Zentrum und in einer senkrecht gedachten Linie über sich findet er den Zenit.
... als Grundlage des selbständigen Denkens
Erlebnisstarkes, gefühlsmässiges Erfahren und das Erüben der phänomenologischen Betrachtungsweise bilden die Grundlage für das innere Engagement, mit dem sich die Jugendlichen fünf Jahre später, in der 11. Klasse, die Gesetzmässigkeiten des heliozentrischen Weltbildes erarbeiten. Jetzt ist die Bemühung gefordert, selbständig denkend in die vielen ineinanderspielenden Rhythmen unseres Planetensystems einzudringen. Ein Schritt wird nachvollzogen, für den die Weisesten unter den Menschen Jahrtausende gebraucht haben. Aber das Staunen bleibt.
Gefühle des Staunens, der Ehrfurcht und der Liebe bilden den Boden für Entdeckungslust, für Interesse an der Mitwelt und für den Willen zu lebenslangem Lernen.
«Waldorf-Pädagogik richtet sich an das Kind wie keine andere Erziehung. Lernen, ob in der Chemie, Mathematik, Geschichte oder Geographie, ist durchtränkt mit Leben und Freude, was die einzige wirkliche Basis für spätere Studien ist. Erziehung wächst zusammen mit dem Leben und dient so den Waldorfschüler/innen über viele Jahre. Wenn sie ans College oder an die Universität kommen, haben diese Studenten eine breite und tiefe Basis sowie einen bemerkenswerten Enthusiasmus zum Lernen.»
Dr. A. Zajonc, Associate Professor of Physics, Amherst College, USA
