Was bedeutet Seelenpflege?
Der Terminus "Seelenpflegebedürftig" weist auf der individuellen leiblich-seelischen Ebene darauf hin, dass jeder Mensch nicht nur entwicklungsbedürftig, sondern auch entwicklungsfähig ist. Unsere mehr oder weniger offenkundigen Ungleichgewichtigkeiten treten bei Menschen mit Behinderungen nur stärker ins Bewusstsein. Auf diese individuellen "Konstitutionsmerkmale" antwortet die diagnostische und therapeutische Zuwendung zum Kind mit heilpädagogischen Angeboten, die ihm Ausgleichsmöglichkeiten geben.
In Menschen, die wir als behindert bezeichnen, treten uns häufig Persönlichkeiten entgegen, deren Lebensintensität, Willenskraft und Sozialfähigkeit uns zutiefst beeindrucken können. Sie machen uns bewusst, dass der Mensch nicht sein Leib ist, sondern einen Leib hat, mit dem er sich auseinandersetzt und den er sich mehr oder minder zu eigen machen kann, vergleichbar einem Musiker, der auf einem Instrument spielt. Unsere eigene Lebenslage gehört daher nicht als passive Gegebenheit zu uns, sondern erweist sich als individuelle Sinnorientierung, als Ausgangspunkt für unsere biographische Aufgabenstellung.
Woher stammt der Begriff "Seelenpflegebedürftig"?
Albrecht Strohschein, einer der Begründer der anthroposophischen Heilpädagogik, berichtet: „... wir dachten, wir könnten die vorhandene Heimbezeichnung unseres Vorgängers auf dem Lauenstein einfach übernehmen; es war ein Arzt, der ein 'Heim für pathologische und epileptische Kinder' hatte gründen wollen. -
Nein, entgegnete Dr.Steiner, es muß schon aus dem Titel ersichtlich sein, was dort geschieht. Ich schaute ihn fragend an, worauf er sagte: Heil- und Erziehungsinstitut für Seelenpflege-bedürftige Kinder.
Noch immer schaute ich ihn fragend an, ich verstand die neuen Worte nicht recht, zückte aber mein Notizbuch und nun diktierte er mir Wort für Wort: Seelenpflege groß geschrieben, bedürftige klein ... Und fügte hinzu: Wir müssen schon einen Namen wählen, der die Kinder nicht gleich abstempelt“.
