Besonderheiten Bildschaffender Methoden
Messwerte und Spektren wie ein Gaschromatogramm geben für die unmittelbare Sinnesbeobachtung zunächst nichts her. Sie sind in ihrer Gestalt allein durch das angewendete Verfahren bestimmt; nur die Grösse der Werte wird durch die Probe bestimmt. Erst wenn ihnen bei der Interpretation inhaltsvolle gedankliche Bestimmungen entgegengebracht, das heisst die einzelnen Werte aus dem Vorwissen des Interpretierenden heraus identifiziert werden, beginnen sie zu »sprechen«. Diese Erkenntnistätigkeit kann als »begriffsanwendend« beschrieben werden, da es sich um ein Wiedererkennen von bereits Erkanntem handelt. Sie findet eine Steigerung darin, aufgrund des schon Gewussten immer besser hinschauen zu können und immer genauer, aber darum auch eingegrenzter zu erkennen.
Im Unterschied zur instrumentellen Analytik entstehen durch die Bildschaffenden Methoden Gebilde, die unmittelbar die sinnliche Beobachtung durch ihren Gestaltreichtum herausfordern. Entscheidend ist jedoch, dass die Gestalten durch die Probe mitbestimmt sind. Dies wird durch die in der Einleitung erwähnte Labilität der betreffenden Systeme ermöglicht. Die Gestalt der bei den Bildschaffenden Methoden entstehenden Gebilde ist Ergebnis einer Wechselwirkung von labilem System und Probe und erlaubt daher Aussagen über die Probe.
Die Auswertung kann nun in ähnlicher Weise interpretierend-begriffsanwendend vorgenommen werden wie bei einem Gaschromatogramm, zum Beispiel indem bestimmte Merkmale eines Blutkristallisationsbildes als Zeichen für das Vorhandensein dieser oder jener Krankheit bei dem betreffenden Patienten erwartet werden. Der Begriff zur Identifikation der Gestalt ist dann vorher schon gebildet worden. Auf dieser Ebene einer sehr gegenständlichen Auffassung der Bilder stösst man jedoch schnell an Grenzen: Die Bilder sind nicht wie Messwerte eindeutig fixiert und auf systemunabhängige Grössen bezogen. Zudem können verschiedene Proben ähnliche Bilder ergeben. Für die Identifizierung von Stoffen und deren quantitative Bestimmung sind bildschaffende Methoden daher ungeeignet.
Der angedeutete Zusammenhang von Probe und Gestalt bietet jedoch eine weitere Möglichkeit, nämlich sich an den entstandenen neuen Phänomenen unter Zurückhaltung inhaltsvoller gedanklicher Bestimmungen auf die Sinneswahrnehmung einzulassen, das heisst unter Verzicht auf Vorwissen und Erinnerung. Das Denken dient dabei zunächst nur zum Beschreiben und Fixieren der Beobachtungen sowie zum Herstellen von Zusammenhängen innerhalb des Wahrgenommenen. Es lenkt den Blick in einem Wechselprozess immer wieder neu auf den Beobachtungsgegenstand hin, ohne diesen abschliessend zu bestimmen. Gelingt es nun, die Bewegungen, die das Denken in diesem Prozess an der Wahrnehmung macht, in die Aufmerksamkeit zu nehmen und begrifflich oder bildhaft zu fassen, so erschliesst sich über das Was des Beobachtungsgegenstandes hinaus das Wie seines Gestaltetseins, seine Bildegeste. Ein Erzeugnis einer bildschaffenden Methode ist daher, genau genommen, noch kein Bild, sondern wird erst in der inneren Erfahrung des Betrachtenden zum Bild. In diesem Sinne kann der Umgang mit bildschaffenden Methoden als Schulungsmittel für die Erkenntnisfähigkeit der Imagination [Link] dienen.
Diese Erkenntnisweise lässt sich als »begriffserwerbend« bezeichnen, weil sie zu neuen Begriffen führt. Dabei kann aufgrund der gekennzeichneten Verzichtshaltung im Denken der Begriff im wiederholten Durchlaufen der Wahrnehmung immer wieder neu gebildet, mithin auch ein schon bekannter Gegenstand wie ein Unbekanntes neu angeschaut werden. Dementsprechend kann jedes wissenschaftliche Vorgehen, das sinnlich gegebene Phänomene unter Zurückhaltung vorher gebildeter Begriffe mit der Intention betrachtet, Neues an ihnen zu erfahren, als »bildschaffend« angesehen werden. Damit eröffnet sich der Ausblick auf eine Vielfalt noch gar nicht entwickelter, aber womöglich hilfreicher und wünschenswerter Methoden.
Wenn, wie dargestellt, mit Bildschaffenden Methoden ein Weg in den Bereich der Bildegesten - in der Ausdrucksweise Steiners der Bildekräfte bzw. des Ätherischen [Link auf die »Theosophie«] - gegeben ist, darf dabei nicht vergessen werden, dass der Bildeprozess, aus dem die betrachtete Gestalt (das Steigbild o.ä.) hervorgegangen ist, nicht einfach derjenige der Probe ist, also z.B. Wachstum und Reifen der Äpfel bei einer Apfelsaftprobe, sondern die Wechselwirkung der Probe mit dem gestaltungsoffenen System. Die Natur der Probe (was sie ist und wie sie durch Anbauart, Verarbeitungsprozess etc. verwandelt worden ist) ist einer unter mehreren Faktoren, die in die Gestalt z.B. eines Kristallisations- oder Steigbildes hereinspielen. Daher ist eine intime Kenntnis aller beteiligten Faktoren und ihrer Einflüsse auf den gestaltbildenden Vorgang erforderlich, um den Einfluss der Probe eindeutig, sicher und reproduzierbar zu bestimmen. Die Beurteilung eines solchen Bildes erfordert deswegen auch auf der Ebene der Bildungsweisen und Bildegesten immer Vergleiche, die sich auf andere Bilder, aber auch auf mein Vorwissen beziehen können. In die begriffserwerbende Tätigkeit spielt damit ein begriffsanwendendes Element herein.
