Hildegart Büyükeren
"Der Platz des Malers ist am wachsenden Rand des Bewusstseins"
im Dialog mit Christiane Haids Bild "Keim"
Textauszug:
… Der »Keim« in seiner Dreigestalt – 1. der Keim selbst, 2. sein Umfeld, 3. seine Metamorphose – ist eine dramatisch bewegte Komposition. So ist es nicht erstaunlich, dass Grün – Farbe der Ruhe, der Bewegungslosigkeit, des vegetativen Lebens, das kaum schöpferische Stoßkräfte in die Zukunft besitzt – fehlt.
Grün sprengt keine Fesseln. Das Bild lebt auch nicht in der »absoluten Widerstandslosigkeit« des Schwarz, von der Wassily Kandinsky spricht, es weist auch kein Rot auf, das weder nach außen strahlt wie das Gelb noch in sich selbst zurückstrahlt wie das blau, sondern in sich selbst verbleibt. Beharrliche Strömungsbewegung des Keims braucht andere Klänge. Die Darstellung spricht sich aus durch Blau- und Violett-Töne, durch Ocker und Braun sowie durch Weiß und Gelb. Der Leib des Keims lebt besonders intensiv im konzentrisch wirkenden Indigo und in der Schweigekraft des Weiß, das alle Möglichkeiten des Werdens in sich birgt. Begleitet wird der Keim auf seinem Weg von Impulsen des Violett, des Indigo und Ultramarin, die durch ihre dunkle Färbung die Aussage des Blau bekräftigen. Linksseitig wird er bedrängt von geballtem, scharf begrenztem Braun (nicht Schwarz!), durch das sich helles Rotviolett und rotbrauner Ocker als heilend wirkende Macht einer Terra lucida hindurchringt. Hier – in der Bildmitte – verliert der Keim sein Weiß, man erahnt nur noch seinen Weg.
Im oberen Drittel des Bildes überrascht eine andere Welt mit einer lichtdurchfluteten Konsonanz. In sie hinein ragt – fast nur angedeutet – ein blaues, spitz in die Höhe ragendes Dreieck, am unteren Rand noch gezeichnet von beschwerlichen Wegspuren des Keims.
In dieser Dreigestalt hat seine Wirksamkeit sich erfüllt, seine greifbare Existenz verliert sich nun in unbegrenztem Weißgelb und gehauchtem Rotviolett (farblich in der Kopie nicht mehr erfasst). Er gebiert sich neu in Farbwesen, denen er Zukunftswirken abringen kann. Der Keimgrund mit seinem Weiß metamorphosiert zum farbdurchtränkten Lichtgewebe. Welchen Keim auch immer die Künstlerin darzustellen sucht, den des Ich, den einer Idee, eines Tuns, des schöpferischen Aktes selbst, des Erdgeschehens …, die Komposition spricht eine befreiende Botschaft aus: In freudenheller Farbigkeit des oberen Bildteils, die sich zurücknimmt in ihrer Konzentration, jedoch nicht in ihrer Wirkung, leuchtet eine Strahlkraft
auf, die sich aus Materienenge befreit hat. Der »Keim« ist eine Offenbarung der Farbe, ein Ruf, Materie nicht absolut zu nehmen,sondern als geistdurchwobenes Geschöpf. …

Christiane Haid "der Keim"


